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Roggentiner Weg (Kartenbild © HRO Rostock (CC BY 3.0))
 
 
Mein Leben im Roggentiner Weg
nach Aufzeichnungen und Erzählungen von Erika Lemke, geb. Eggert


Meine Kindheit verbrachte ich seit 1946, meinem 7. Lebensjahr, in Brinckmansdorf. Bis 1948 wohnte ich mit meinen Eltern bei Familie Sundt in der Tessiner Straße 56.

Mein Vater Friedrich Eggert war Gärtner und er nahm als Neubauer eine Siedlung am Roggentiner Weg, das Land gehörte zum ehemaligen Gut Kassebohm. Es war ein Roggenfeld, soweit man sehen konnte, bis nach Kassebohm. Der Weg war ein angewalzter schwarzer Schlackeweg, der vom Stadtwald bis nach Roggentin führte. Am Weg standen alte Weiden, Hohlweiden und Dornhecken und säumten diesen. Im Mai und Juni sang die Nachtigall und es war eine himmlische Ruhe.

Die Bäume des Wäldchens am Roggentiner Weg waren 1948 ca. 1,50 m hoch, etwas größer als ich. Die Wege im Stadtpark wurden damals noch von einem Gärtner mit dem Spaten abgestochen und geharkt. Mit dem Fahrrad durfte man darauf nicht fahren, nur leiten. Das Wäldchen war früher ein Fußballplatz, erzählte man mir.

In Brinckmansdorf gab es bis 1945 keine Schule. Dann errichtete man am Hüerbaasweg zwei Baracken. In der einen war unser Klassenzimmer und in der anderen wurde geturnt. Ein weiteres Klassenzimmer war im Haus von Familie Jürß im Unkel-Andres-Weg und auch im alleinstehenden Haus der Familie Hahn am Waldrand Tessiner Straße 101 befand sich ein Klassenzimmer. Herr Dolenga war der Schuldirektor.

Nach dem Krieg gab es durch die Vertriebenen viele Kinder in Brinckmansdorf. Auch aus Neu-Roggentin und Riekdahl gingen die Kinder hier zur Schule. Nach vier Jahren kamen wir dann in die Schule am Alten Markt. Wir gingen zu Fuß oder fuhren mit der Straßenbahn der Linie 3 vom Verbindungsweg zum Bargehl. Eine Fahrt hin und zurück kostete 10 Pfennige. In der Lohgerberstraße gab es Bäcker Ehmke. Bei ihm gab es für 17 Pfennige Amerikaner und die schmeckten sehr gut. Ich bin zwei Tage in der Woche zu Fuß zur Altstadt-Schule gegangen (2 x 8 km) und kaufte mir vom gesparten Fahrgeld einen Amerikaner.

Familie Sundt in der Tessiner Straße 56 hatte ein Milchgeschäft. Man kaufte die Milch lose in einer Milchkanne. Milch und Butter gab es auf Lebensmittelmarken. Herr Sundt holte die Milchprodukte mit seinem Milchwagen und seinem Schimmel Hans aus der Molkerei in der August-Bebel-Straße.

Frau Böldt betrieb in der Tessiner Straße 48 einen Lebensmittelladen, da gab es alles was man brauchte. In den 70ger Jahren wurde davor ein Kiosk für Obst und Gemüse gebaut.

Gut versorgt wurden wir von Bäcker Wittfoth. Er hatte sein Geschäft gegenüber der Kriegerheimstätte in der Tessiner Straße 62. In der Adventszeit wurden dort auch von Familien Bleche mit Pfeffernüssen abgebacken.

Es war ruhig zu der Zeit in Brinckmansdorf. Es gab wenig Verkehr, man ging zu Fuß oder fuhr mit dem Fahrrad. Wer in Rostock arbeitete ging von Roggentin, Kösterbeck und Fresendorf bei uns vorbei zur Linie 3 der Straßenbahn am Verbindungsweg. Sie fuhr bis zur Lindenstraße und wieder zurück. Ein Triebwagen, mehr nicht.

Unser Hausarzt war Dr. Rüther. Er hatte seine Praxis im Doppelhaus Tessiner Straße 35/36, dort wohnte er auch mit seiner Familie. Mit seinem dunklen F8 besuchte er seine Patienten auch in den umliegenden Dörfern. Er trug im Winter immer einen grünen Lodenmantel und einen dazu passenden Hut. Er war auch einige Male bei uns. Als Kind war ich vom Pferd gefallen, als dieses scheute und hatte allerhand davongetragen, bis heute. Dann hatte ich eine schlimme Nierenkolik. Er stand vor meinem Bett, verarztete mich, hob den rechten Zeigefinger hoch und sagte: „Immer warm anziehen und wenig Tomaten essen!“
Dr. Rüther war sehr beliebt bei allen und wird bis heute geachtet.

Während der Bodenreform1948 wurde das 100 ha große Gut Kassebohm aufgesiedelt und an Neubauern vergeben. Meinen Eltern und zwei weiteren Familien wurden je 5 ha Land am Roggentiner Weg zugewiesen. Sie errichteten dort Gebäude, ein Wohnhaus und einen Stall und wir wohnten dann Nr. 3. Mein Vater baute viel Gemüse an und wir hielten Tiere. Man musste ein Pflichtsoll an Milch, Fleisch, Eier und Wolle abliefern. Die Milch musste bis 1956 täglich mit Pferd und Wagen in die Molkerei in der August-Bebel-Straße gebracht werden. Ab 1956 gab es dann die neue Molkerei in der Neubrandenburger Straße.

Als ich 1957 geheiratet habe, pflanzte ich mit meinem Mann Otto auf unserem Grundstück 856 Apfelbäume. 1960 mussten wir dann mit zwei weiteren Siedlern aus Kassebohm eine Obstbaumgenossenschaft gründen.  

1970 wurden die Siedlungsflächen zwangsweise aufgeteilt und es entstanden Kleingärten, die es bis heute am Roggentiner Weg gibt. Auf unserem verbliebenen Grundstück begannen wir dann intensiv Gemüse anzubauen. 45 Jahre lang hatten wir auch Bienen. Unsere gärtnerischen Erzeugnisse lieferten wir u.a. an die Universitätsklinik, die Mitropa und verkauften sie auf dem Markt. Sehr lukrativ war der Anbau von Tabak. Nach der Ernte wurden die Blätter sortiert, aufgefädelt und in der Scheune zum Trocknen aufgehängt. Abgeliefert wurde der Tabak dann an eine Aufkaufstelle im Schweizerhaus.

Ab den 1980er Jahren wurden im Roggentiner Weg weitere Einfamilienhäuser errichtet. Später wurde dann die gesamte Fläche bis zur Tessiner Straße mit Wohnhäusern, einem Heim für Betreutes Wohnen und einem NETTO-Supermarkt bebaut.

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